Wann gilt man in der Allgemeinheit als absonderlich? Ich halte mich für normal. Und doch weiß ich, dass viele Leute den Kopf schütteln, wenn sie hören, dass ich in einem alten Wohnwagen auf einem Acker in Spanien das Experiment auslebe, wie weit man die Bedürfnisse runterschrauben kann, ohne dass wirklich etwas fehlt. Wer definiert denn eigentlich die Sachen, die man zum Leben braucht? Um diese Frage zu beantworten, kann man eine enorme Bandbreite von Dingen aufzählen. Angefangen bei Mutter Natur mit den Grundlagen Atemluft und Nahrungsmittel über die Liste der gesellschaftlich festgelegten Grundbedürfnisse wie Dach über dem Kopf und Zugang zur Gemeinschaft bis hin zu der etwas abgedroschen klingenden, aber ernst zu nehmenden Beeinflussung durch Idole und gemeinhin die Werbung.
Es ist eine ziemlich sozialistische Vorstellung, zu glauben, man könne eine allgemeingültige Antwort für diese Frage finden. Ich bin viel zu sehr Individualist, als dass ich mir vorstellen könnte, es gäbe eine Liste der Dinge, die „der Mensch“ braucht. Wer soll das denn sein, dieser „der Mensch“? Ich kenne Manager, die mit ihrem Einkommen in wahrem Luxus leben, dabei aber auch ihr Leben im Dauerstress genießen. Wenn ich dreimal die Woche mit ihnen telefoniere, erwische ich sie an drei unterschiedlichen Stellen der Welt im Meeting sitzend. Mit ihnen zu tun habe ich aufgrund ehrenamtlicher Tätigkeiten, die sie neben dem 100-Stunden-Job trotz allem auch noch irgendwie eingebaut bekommen. Und ich kenne Menschen, die sich für ein Leben von der Hand in den Mund entschieden haben. Keine Heizung im Winter, nie die Sicherheit, dass es übermorgen noch irgendwas zu essen gibt. Dafür aber von morgens bis abends die Möglichkeit, die Natur zu genießen oder ein Buch zu lesen.
Ich mache kein Geheimnis daraus: Ich bin auf beide Sorten von Lebensstil eifersüchtig. Aber wenn ich ehrlich bin, ist es immer nur eine Hälfte dessen, was ich sehe, worauf sich mein Neid bezieht. Von dem einen die Lebensumstände, von dem anderen die Freizeit, ja, das hätte ich auch gerne. Aber ersterer kann seinen Stress und die sein Leben wie einen roten Faden durchdringende Zeitnot gerne behalten. Und an der chronischen Existenzangst des anderen habe ich auch nicht wirklich Interesse. Nein, Menschen sind nicht gleich. Jeder ist anders. Doch wann erreicht dieses Anders einen Zustand, in dem man gemeinhin von „sonderlich“ spricht?
All das sind Gedanken, auf denen ich herumkaue, seit ich vor ein paar Tagen beim Spazierengehen über die Felder einen Einsiedler kennenlernte, der sich selbst als Mönch bezeichnet. Ein äußerst lebenserfahrener alter Mann mit weißem Rauschebart, der zahlreiche Sprachen spricht, was mir endlich mal wieder ein nicht mit einem Bildschirm geführtes Gespräch auf Deutsch ermöglichte. Nun triggerte der Mann mit seiner Geschichte und Weltsicht bei mir dermaßen viele Schalter gleichzeitig, dass sich gleich unser erster Plausch am Rande eines Feldweges in der Sonne stehend über weit mehr als eine Stunde hinzog. Hätte ich nicht noch einen Termin gehabt, hätten wir vermutlich bis in die Dunkelheit hinein weiter geplaudert.
Als ich 2012 erstmals mein Konzept der philosution ausarbeitete, beschäftigte ich mich konsequenterweise auch mit Marketingmaßnahmen. Der Aufruf zum Selbstdenken und Handeln hat etwas mit Missionieren zu tun, daher kam mir die Idee, als besonderes Kennzeichen ein Habit nach Franziskaner-Vorbild zu tragen, wenngleich nicht in dem der völligen Entsagung gewidmeten Sackleinenbraun, sondern in einem seitens der verschiedenen Kirchen nicht genutzten und symbolisch naturnahen Grünton gehalten. Als ich mich dann jedoch mit den Preisen von Schneidereien für Theaterausstattung beschäftigte, rutschte ich vom Stuhl und vertagte die Anschaffung der Mönchskutte erst einmal auf unbestimmte Zeit in die Zukunft. Doch der Gedanke an „Mönch“ als Markenzeichen war schon irgendwie eingebrannt.
Nun hatte ich damals in Dr. Frithjof Bergmanns „Neue Arbeit, Neue Kultur“ für mich meine eigene „Bibel“ gefunden. Die von dem Professor erarbeitete Dreiteilung der Arbeit in eine gegenüber heutigem Standard erheblich verkürzte Erwerbsarbeit, um ein bisschen Einkommen zu erzielen, von dem man die Dinge kauft, die man nicht selbst herstellen kann einerseits, der durch Einsatz von High-Tech in regionalen Kleingruppen möglich gemachten Selbstversorgung andererseits, und als drittes, dem wichtigsten Part, der Arbeit, die „man wirklich, wirklich ausüben will“, war eine Vorstellung, die meines Erachtens das Anstreben eines echten kulturellen Wandels wert wäre.
Nun tummeln sich heutzutage unter dem Deckmantel der „New Work“ leider extrem viele Scharlatane, die dem ganzen Veränderungsmodell den Ruf von weltfremden Freaks eingebracht haben. Wirklich ernst genommen werden tiefgreifende, die Gesellschaft und ihre Kultur verändernde Ansätze nicht mehr. New Work ist in Ordnung, solange sie das bestehende kapitalistische Basismodell unterstützt. Aber verändern darf sie nichts. Diese ernüchternde Erkenntnis musste ich einfahren, als ich nach Mitstreitern suchte. Gefunden habe ich einige kommunale Gruppen, die tatsächlich das Modell eines gemeinsam gepflegten Ackers zur Selbstversorgung mit Gemüse leben. Oder sich in Nachbarschaftsgemeinschaften mehrere Autos unterschiedlicher Form teilen, damit jederzeit vom Cabrio bis zum Transporter alles zur Verfügung steht, was gerade gebraucht wird. Doch tatsächlich werden all diese „Kommunen“ von außen immer nur spöttisch belächelt, gar als Sekte verunglimpft. Die Vorteile solcher Lebensmodelle setzen sich in unserer Ich-Ich-Ich-Welt nicht durch.
Auf meiner eigenen Suche nach gangbaren Lebensmodellen und der vielen Recherche rund um alternative Arbeitsgestaltungen bin ich logischerweise auch auf die digitalen Nomaden aufmerksam geworden. Einer der frühen Vorreiter dieses Lifestyles ist Timothy Ferriss mit seiner „4-Stunden-Woche“. Nun ist mir bewusst, dass der Mann absichtlich provokativ deutlich über die Stränge schlägt. Und tatsächlich glaube ich auch, dass man sein Leben auf ein absolutes Minimum von echter Arbeitslast reduzieren kann, wenn man Timothys Ratschläge befolgt. Doch für mich persönlich wäre es nichts, denn zum einen bedeutet das auch, Dinge in fremde Hände zu delegieren, die ich eigentlich gerne mache. Und zum anderen ist der Schwatz mit dem Kollegen an der Kaffeemaschine in meinen Augen ebenfalls für ein angenehmes Lebensgefühl erforderlich, auch wenn es sich um eigentlich einsparbare (Nicht-)Arbeitszeit handelt.
Die Mixtur ist es eher, die es ausmacht. So, wie die meisten Menschen eigentlich kein Problem damit haben, Steuern zu bezahlen, solange sie erkennen können, dass aus diesen Geldern etwas Vernünftiges gemacht wird, sind die allermeisten Menschen auch gerne bereit, einen erheblichen Teil ihrer Lebenszeit in irgendeine Form von Arbeitsleistung zu investieren. Einzige Voraussetzung dafür: Sie müssen in dieser Art von Arbeit einen Sinn erkennen können. Ein gelungener Werbe-Coup des Kapitalismus ist es, den Menschen im Laufe der Zeit zu vermitteln, dass dieser „Sinn“ einzig und allein in „Geld“ besteht. Doch hier und da macht sich bei jedem die Erkenntnis breit, dass sich Werte ganz woanders verstecken, als im Portemonnaie. Ich zitiere hier gerne Marcel Reich-Ranicki: „Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn.“ Beim Lesen dieser Worte denken wir über das Geld nach. Wie wäre es denn, wenn wir uns stattdessen darauf konzentrieren würden, den Grund des Weinens zu beseitigen?
„Ein gut genutztes Minimum genügt für alles.“
Jules Verne, französischer Schriftsteller, gilt als einer der Begründer der Science-Fiction-Literatur (1828-1905)
Nun stand ich also mit einem Mönch zusammen und unterhielt mich über seine Vorstellung einer synkretistischen Kirche. Ich gebe zu, dass ich trotz meiner jahrzehntelangen Religionskritik den Begriff des „Synkretismus“ erst nachschlagen musste. Ich bin dermaßen auf ein Überwinden des „Glaubens“ als echte menschliche Weiterentwicklung hin zum „Wissen“ fokussiert, dass ich mich mit einer Ideologie, die versucht, das Gute aller Glaubensrichtungen unter einem Dach zusammenzufassen, niemals beschäftigt habe. Als Buchhalter denke ich in Bilanzen, in Waagen. Und unterm Strich betrachtet haben die großen, insbesondere die monotheistischen Religionen deutlich mehr Blut vergossen und Leid verursacht, als denn beseitigt. Und tun es heute immer noch. Da nur das Gute rauszufiltern und den Rest zu verdrängen hat irgendwie etwas von „Rauchen macht Spaß, das mit dem Krebs vergessen wir mal zu erwähnen“.
Doch das Aufeinandertreffen eines Synkretisten mit einem Atheisten muss ja nicht von religiösen Themen bestimmt werden. Die Welt bietet genug andere Herausforderungen, über die man miteinander reden kann. Und wahrlich, wir kamen von einem Thema zum nächsten. Wie wird man denn beispielsweise zum Mönch? Der Mann ist in seinen über siebzig Lebensjahren mehr als fünfzig Mal innerhalb Europas umgezogen. Hat unterschiedlichste Jobs ausgeübt, um sich irgendwann nur noch mit einer Handvoll Sachen in einen Wald zurückzuziehen und drei Jahre lang seinen Kopf von dem zu befreien, was ihn von außen beeinflusste. Also quasi die Extremstfassung dessen, was mir mit dem Campo Vida Sencilla als Selbstfindungsangebot vorschwebt. Anschließend kehrte der Mönch in die Gesellschaft zurück, legte sich ein kleines Haus und einige Hühner zu, geht sieben bis zehn Stunden pro Woche als Tagelöhner arbeiten und verbringt den Rest der Zeit mit Gartenpflege und Lebensgenuss. Zu letzterem zählt er auch das Studieren und Erweitern seines ohnehin schon riesigen Wissensfundus sowie das Plaudern mit Spaziergängern aus Deutschland.
Ist das ein Leben im Minimalismus? Oder ist das die gefundene Zufriedenheit? Handelt es sich um einen sonderbaren Freak oder um einen Menschen, dessen Lebensweg man anstreben sollte? Mit dergleichen Gedanken ist man ganz schnell wieder am Philosophieren und somit bei meiner philosution. Es wird mit Sicherheit nicht mein letztes Gespräch mit dem spanischen Mönch gewesen sein. Und ich bin sicher, dass ich auch einige Besucher des Campo Vida Sencilla mit ihm bekanntmachen werde. Doch zuerst muss ich in das Hamsterrad des „normalen“ Lebens zurückkehren und für eine Ausgangsbasis zur Campo-Erschaffung sorgen. Um eine Brücke zu bauen. Eine Brücke, über die man vom Normalzustand ins echte Normal übergehen kann. Was auch immer dieses Normal für jeden einzelnen von uns bedeuten mag. Diese Definition ist jedem selbst überlassen.
Clark,
im März 2026
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